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Eine geniale wissenschaftliche Idee oder doch ein Zukunftsthema? In Vitro Meat könnte als nicht-vegetarische, aber nachhaltige, tierfreundliche und umweltfreundliche Alternative der Zukunft dienen.

Bis 2050 wird die Weltbevölkerung von derzeit 7.3 Milliarden auf 9.6 Milliarden anwachsen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) prognostiziert, dass im Jahr 70 2050 % mehr Nahrungsmittel benötigt werden, um den Bedarf der wachsenden Bevölkerung zu decken, was aufgrund begrenzter Ressourcen und Ackerflächen eine große Herausforderung darstellt. Damit einher geht eine steigende Fleischnachfrage, die gegenüber 85 voraussichtlich um 2006 % steigen wird. Allerdings sind tierische Produkte bereits heute für etwa 60 % der ernährungsbedingten Klimaemissionen verantwortlich. Neben den bereits weit verbreiteten Fleischalternativen wie Tofu, Seitan und Co. ist die Zeit für neue, massentaugliche Lösungen reif. Effizientere Methoden der Proteinproduktion werden entwickelt, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und gleichzeitig den heutigen Herausforderungen wie Umwelt- und Tierschutz gerecht zu werden. Denn immer mehr Menschen wollen auf konventionelles Fleisch verzichten: 2012 kauften die Deutschen rund 11,000 Tonnen Fleischersatz. Nur sieben Jahre später waren es bereits 26,600 Tonnen. Junge Leute insbesondere sind sich weigern, Fleisch zu essen und sich vegetarisch oder vegan ernähren. Der häufigste Grund für eine vegetarische Ernährung ist der Tierschutz (Rewe; national Geographic; Grenzen).

Eine nicht-vegetarische, aber nachhaltige, tier- und umweltfreundliche Alternative könnte sogenanntes In-vitro-Fleisch sein (auch kultiviertes, künstliches oder im Labor gezüchtetes Fleisch genannt) (Grenzen).

In-vitro-Fleisch

Bei der Herstellung von In-vitro-Fleisch wird die Natur mit modernsten Techniken nachgeahmt: Stammzellen, schmerzlos durch Biopsie aus dem Muskelgewebe lebender Kühe gewonnen, teilen und vermehren sich in einer Nährlösung und entwickeln sich zunächst selbstständig zu Muskelzellen und dann in Muskelfasern. Die Nährlösung ist mit allen Grundnährstoffen angereichert, die die Zellen benötigen: Aminosäuren, Glukose, Vitamine und anorganische Salze sowie Proteine ​​und andere Wachstumsfaktoren. Durch ihre Zellwände nehmen die Zellen alle Nährstoffe auf, die sie zum Leben, zur Vermehrung und zum Gewebeaufbau benötigen. Die Muskelfasern werden dann wie echte Muskeln durch mechanische und elektrische Impulse trainiert. So entstehen hauchdünne Fleischschichten, die in ihrer Masse Hackfleisch ähneln. Etwa 20,000 dieser Muskelzellen werden zum Beispiel für einen Burger benötigt. Außerdem werden Fettzellen auf ähnliche Weise gezüchtet, damit es zusammen mit dem Muskelgewebe so nah wie möglich an echtem Fleisch schmeckt. Dieser Vorgang dauert je nach angebauter Fleischsorte etwa zwei bis acht Wochen (Rewe; Quarks; Verbraucherzentrale; gfi). 

In den Niederlanden wird seit den 1990er Jahren an der Fleischalternative geforscht, um die Lebensmittelsicherheit zu erhöhen, die Umweltbelastung zu verringern und den Tierschutz zu verbessern. 2013 der erste Burger aus dem Labor, gezüchtet unter der Leitung von Mark Post, ein niederländischer Pharmakologe der Universität Maastricht, war bereit zum Probieren; aber zu einem hohen Preis: 300,000 Dollar kostete das aufwändig angebaute Fastfood. Mittlerweile gibt es weltweit rund 80 Start-ups, die kultiviertes Fleisch auf unsere Teller bringen wollen. Investoren unterstützen sie mit Millionenbeträgen, mittlerweile mischen sich sogar große Lebensmittelkonzerne ein. In Singapur und Israel bieten einige Restaurants bereits Fleisch aus dem Labor auf ihren Speisekarten an. Forschern ist es bisher jedoch nur gelungen, Hackfleisch anzubauen. Im Gegensatz zu Steak oder Filet hat das In-vitro-Fleisch noch keine Struktur. Für ein Steak oder andere Fleischstücke werden dreidimensionale Gerüste benötigt, auf denen Muskelzellen in alle Richtungen ausfransen können. Start-ups experimentieren mit 3D-Druckern, um Fleischstücke aus tierischen Stammzellen herzustellen, die in Inkubatoren zu „Steaks“ heranwachsen (Rewe; Quarks; Verbraucherzentrale). 

Während in den USA das Landwirtschaftsministerium (USDA) und die Food and Drug Administration (FDA) bereits einen Rahmen für die Regulierung von im Labor gezüchtetem Fleisch geschaffen haben, würde In-vitro-Fleisch in der EU möglicherweise unter die Vorschriften und Zulassungen für „neuartige Lebensmittel“ fallen würde wahrscheinlich mehrere Jahre dauern (Quarks). 

Aber was sind die Vorteile von Fleisch aus dem Labor gegenüber herkömmlichem? Ist es wirklich frei von Tierleid? Besser für die Umwelt? Gesünder für den Menschen?

In-vitro-Fleisch

Für die zuvor erwähnte Nährlösung wird derzeit noch Kälberserum verwendet, das dem Fötus entnommen wird, wodurch dieser abstirbt. Also auch diese Fleischalternative ist noch nicht ganz frei von Tierleid. Heute versuchen jedoch einige Forschungseinrichtungen und auch In-vitro-Fleischproduzenten, Kälberserum durch pflanzliche Alternativen zu ersetzen: Derzeit erscheinen bestimmte Pilzextrakte und algenbasierte Nährmedien vielversprechend (Rewe; Quarks). 

Zwar müssen die Tiere für die Stammzellenentnahme nicht sterben, die Tiere müssen dafür aber gehalten werden – wenn auch in deutlich geringerem Umfang als bei der Fleischgewinnung aus Schlachttieren. Und auch die Gewebeentnahme stellt für das Tier eine Verletzung dar – wenn auch eine geringere im Vergleich zu den Qualen, die die Tiere in der Massentierhaltung erleiden. Allerdings fallen keine Schlachtabfälle wie Haare oder Knochen an, da nur das gezüchtet wird, was tatsächlich verzehrt wird (Rewe; Quarks). 

Da Laborfleisch weltweit nirgendwo verzehrt wurde, gibt es keine validen Daten zum gesundheitlichen Wert. Verbraucher wissen jedoch, was auf dem Teller ist: Eine Kontamination mit Antibiotika oder anderen Chemikalien ist kein Thema, und auch das Risiko von Krankheitserregern kann eingedämmt werden. Die Produktion unter kontrollierten Bedingungen im Labor soll weniger anfällig für Keime sein. Die Zahl der vom Tier auf den Menschen übertragbaren Krankheiten sowie die Zahl der durch den Verzehr tierischer Lebensmittel übertragenen Krankheiten könnten so reduziert werden (Rewe; Verbraucherzentrale). 

In-vitro-Fleisch würde wahrscheinlich auch weniger Ressourcen in Bezug auf die Landnutzung benötigen (Verbraucherzentrale). 

Bei den Treibhausgasemissionen gehen die Meinungen auseinander, erste Studien deuten auf eine deutliche Reduktion der Treibhausgase um mehr als 75 % hin. Neuere Studien kommen zu einem anderen Ergebnis. Demnach verursacht die Produktion von künstlichem Fleisch mehr Treibhausgase als beispielsweise die Produktion von herkömmlichem Schweine- oder Hühnerfleisch. Auch in Bezug auf den Energieverbrauch gehen neuere Studien von einer höheren Umweltbelastung bei der Produktion von Laborfleisch im Vergleich zur konventionellen Fleischproduktion aus. Allerdings ist nicht klar, was die Produktion im großen Stil tatsächlich verbrauchen würde: Die Zellen brauchen eine warme Umgebung, so warm wie im Körper des Tieres, und das Nährmedium müsste regelmäßig kontrolliert und ausgetauscht werden um sicherzustellen, dass die Nährstoffversorgung konstant bleibt und sich keine Bakterien oder Pilze bilden. 
Im Vergleich zu Rindfleisch hätte kultiviertes Fleisch jedoch Vorteile: Die Holländer Entwickler von In-vitro-Fleisch, Mark Post, sagt, dass die Produktion einer Portion Fleisch aus dem Labor im Vergleich zur konventionellen Fütterung auf Mastbetrieben effizienter ist, da für etwa ein Kilogramm Laborfleisch nur zweieinhalb Kilogramm Nährstoffe aus pflanzlichen Quellen benötigt werden, während neun Kilogramm Getreide werden für ein Kilogramm Rindfleisch benötigt (Verbraucherzentrale; Quarks). 

Ob die Produktion von künstlichem Fleisch in Zukunft umweltfreundlicher sein wird als die von herkömmlichem Fleisch, ist noch nicht absehbar. Derzeit sind die kleinen Produktionsmengen deutlich energieintensiver und der Fleischanbau im Labor ist noch nicht massentauglich. Zudem behindern zu hohe Kosten den Prozess. Insgesamt nimmt aber der Trend zur „zellularen Landwirtschaft“ zu und es wird viel Geld in die Forschung auf diesem Gebiet investiert. 
Gesundheitlich lässt sich sagen, dass In-vitro-Fleisch nicht ungesünder als Schlachttierfleisch ist, aber auch nicht gesünder. Unbestritten ist, dass eine überwiegend pflanzliche Ernährung die mit Abstand gesündeste und umweltfreundlichste Alternative zu herkömmlichem Fleisch und auch zu künstlichem Fleisch ist. Der übermäßige Fleischkonsum in unserer Gesellschaft belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch unsere Gesundheit. Weniger Fleisch zu essen würde uns also generell gut tun – das gilt auch für Fleisch aus dem Labor. Aber: Kulturfleisch wird mit anderen Fleischersatzprodukten konkurrieren müssen, insbesondere mit pflanzlichen Alternativen (Rewe; Quarks; Verbraucherzentrale). 

Abschließend bleibt festzuhalten: In-vitro-Fleisch ist nur eine von vielen möglichen Lösungen für die Zukunft. In Kombination mit einer tiergerechteren Fleischproduktion, alternativen Proteinquellen und der Förderung der Pflanzenvielfalt kann kultiviertes Fleisch zu mehr Nachhaltigkeit in unserer Ernährung beitragen. Allerdings sind weder die Technologie noch unsere Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt bereit dafür, dass In-vitro-Fleisch alltäglich wird. Es gibt noch viele offene Fragen zu Nachhaltigkeit, regionaler Produktion und der Rolle der Landwirtschaft in der Zukunft. All diese Fragen müssen geklärt werden, bevor Fleisch aus dem Labor wirklich marktfähig werden kann (national Geographic). 

– von Marie Klimczak